Whistleblowing

Whistleblowing hat in Deutschland einen schlechten Ruf, der sich hartnäckig hält: Wer meldet, gilt schnell als illoyal. Genau diese Haltung ist der teuerste Teil des Problems – denn sie führt nicht dazu, dass weniger passiert, sondern dazu, dass das Unternehmen später davon erfährt als alle anderen.

Die Rechnung, die selten aufgemacht wird

Ein Missstand hat drei mögliche Wege nach draußen. Er kann intern gemeldet werden, er kann bei einer Behörde landen, oder er kann in der Presse erscheinen.

Der erste Weg ist mit Abstand der günstigste. Sie erfahren zuerst davon, Sie bestimmen das Tempo der Aufklärung, Sie können abstellen, bevor Dritte beteiligt sind – und Sie stehen gegenüber einer Aufsichtsbehörde besser da, weil eigenständige Aufklärung sich in der Bewertung niederschlägt.

Der dritte Weg ist der teuerste, und er wird wahrscheinlicher, je unglaubwürdiger die ersten beiden sind. Der Gang an die Öffentlichkeit ist geschützt, wenn auf eine Meldung keine Reaktion erfolgt ist. Ein System, das Meldungen versanden lässt, produziert damit genau das Ergebnis, das es verhindern sollte.

Hinzu kommt ein Nebeneffekt, den Unternehmen mit funktionierenden Meldesystemen regelmäßig berichten: Die Meldungen betreffen zum überwiegenden Teil keine Straftaten, sondern Abläufe, die schiefgehen – Beschaffungsprozesse, Sicherheitsmängel, unklare Zuständigkeiten. Das System wird damit zu einer Rückmeldeschleife, die es sonst nicht gäbe.

Warum Systeme ungenutzt bleiben

Nicht, weil es nichts zu melden gäbe. Sondern aus drei Gründen, die alle nichts mit Technik zu tun haben:

Niemand kennt den Kanal. Er steht im Intranet unter einem Menüpunkt, den niemand aufruft. Wer im Fall der Fälle nicht binnen einer Minute findet, wie er melden kann, meldet nicht.

Niemand glaubt an die Vertraulichkeit. Solange die Belegschaft annimmt, dass die Personalleitung mitliest, ist der Kanal wertlos – unabhängig davon, ob die Annahme stimmt. Deshalb wirkt eine Stelle außerhalb der Hierarchie messbar besser, sei es als Ombudsperson oder als externer Meldestellenbeauftragter.

Niemand hat je eine Reaktion gesehen. Wenn nach Meldungen nie etwas geschieht – oder wenn niemand erfährt, dass etwas geschehen ist –, hört das Melden auf.

Was ein Programm ausmacht

Eine Haltung von oben. Die Geschäftsführung sagt einmal deutlich, dass Meldungen erwünscht sind und dass niemand Nachteile zu befürchten hat. Das kostet nichts und wirkt mehr als jede Betriebsvereinbarung.

Erreichbarkeit für alle. Auch für Bewerber, Ehemalige, Leiharbeitnehmer und Lieferanten – der geschützte Kreis ist weit, siehe Wer ist Hinweisgeber. Ein Kanal hinter der Anmeldung im Intranet erreicht keine dieser Gruppen.

Anreize für den internen Weg. Das Gesetz sieht ausdrücklich vor, dass Unternehmen die interne Meldung attraktiv machen sollen. Der wirksamste Anreiz ist nicht eine Prämie, sondern eine erkennbare Bearbeitung – siehe Hinweismeldungen bearbeiten.

Rückmeldung an die Organisation. Nicht über Einzelfälle, sondern in Kennzahlen: wie viele Meldungen eingingen, wie viele bearbeitet wurden, was sich daraufhin geändert hat. Das ist der einzige Weg, Vertrauen aufzubauen, ohne die Vertraulichkeit zu verletzen.

Schulung. Wer nicht weiß, was meldefähig ist, meldet entweder gar nichts oder alles. Die neun häufigsten Fragen stehen in der Mediathek.

Die Sorge vor Missbrauch

Sie ist der Einwand, der in jedem Einführungsgespräch kommt, und sie hält der Erfahrung nicht stand. Böswillige Meldungen kommen vor, sind aber selten – und sie sind das kleinere Problem: Wer wider besseres Wissen unrichtige Angaben macht, ist nicht geschützt und kann selbst in Anspruch genommen werden.

Das häufigere Problem ist das umgekehrte: ein System, das niemand nutzt, und ein Unternehmen, das deshalb glaubt, es gebe nichts zu melden.

Kontakt

Sie haben ein Meldesystem, das seit der Einführung keine Meldung gesehen hat? Das ist meist kein gutes Zeichen – lassen Sie uns darüber sprechen.